Was lange währt…

Autorin: Anonym, 23 Jahre

Liebe Community,

Ich möchte meine Geschichte mit euch teilen, weil es vielleicht der ein oder anderen Person so geht wie mir. Heute kann ich stolz sagen: ich bin lesbisch. Noch vor einem Jahr hatte ich bei diesem Satz einen riesigen Klos im Hals…
Manchmal kommen Erinnerungen plötzlich, ohne Vorwarnung. Jahre lang waren sie in der hintersten Ecke unseres Gehirns verschollen und auf einmal sind sie da. Bei mir war es eine Facebook Nachricht von Lena, die in der Grundschule meine beste Freundin war. Damals hatte ich ein Foto von ihr heimlich in meinem Kinderzimmer unter meiner Matratze liegen. Ich mochte sie mehr als alle anderen Kinder und ich war eifersüchtig, als sie sich in einen Jungen verliebte. Wie konnte ich das alles vergessen haben? Mittlerweile war ich 19 Jahre alt und in einer Beziehung mit einem Mann. Er war mein erster fester Freund und ich mochte ihn unglaublich gerne. Andere Männer waren mir total egal, nicht einen der Schauspieler, den meine Freundinnen toll fanden, fand ich attraktiv. Das war doch der Beweis dafür, dass er meine große Liebe ist. So dachte ich zumindest. Und dass mein Herz bis zum Hals schlug, als Lena sich plötzlich meldete- sicher war es nur Freude.
Das nächste Jahr verbrachte ich damit, gegen meine Gefühle für Lena zu kämpfen. Wir trafen uns häufig und führten lange Gespräche bis tief in die Nacht. Nie konnte ich ihr oder überhaupt mir selbst eingestehen, was ich für sie empfand. Nach einem heftigen Streit verloren wir uns endgültig aus den Augen und nachdem ich eine Weile verletzt war, dachte ich immer weniger an sie. Dafür schlug mein Herz plötzlich verdächtig oft besonders schnell, wenn ich eine bestimmte Frau traf… langsam wurde mir klar, dass es einen Grund gab, warum ich mich nie für Männer begeistern konnte. Aber wie sollte ich es dem Mann sagen, mit dem ich zusammen lebte? Den ich auf eine unerklärliche Art liebte und auf keinen Fall verletzen wollte? Ich beschloss, dieses Geheimnis für mich zu bewahren. Nach außen gab ich mich glücklich, doch innerlich wollte ich schreien.
Die erste Person, der ich von meinem Konflikt erzählte, war mein Freund. Mein Partner. Er war verständnisvoll und gab mir Zeit und und Raum. Für uns beide war klar, dass wir einander nicht verlieren wollten, und es ging mir besser, nachdem ich mein Geheimnis wenigstens mit einer Person teilen konnte. So vergingen weitere Jahre, in denen sich unsere Beziehung immer mehr zu einer tiefen Freundschaft entwickelte. Wir beide schauten den selben Frauen auf der Straße nach und lachten, wenn wir uns gegenseitig dabei erwischten.
Mittlerweile war ich 22, als ein neuer Mensch in mein Leben trat: Marie. Sie lebte offen lesbisch seit ihrem 13. Lebensjahr und ich bewunderte sie zutiefst. Wir wurden Freunde, unternahmen viel gemeinsam und ihr konnte ich mein Geheimnis anvertrauen. Wir redeten viel und schon wieder bemerkte ich, dass ich mehr als Bewunderung für sie empfand… diesmal war es offensichtlich und auch mein Freund bemerkte es. Er wusste, dass ich ihn nicht betrügen und nicht verletzen wollte, aber ihm war auch klar, dass er für mich nie das sein konnte, was ich in Marie sah. Er lies mich als Partnerin frei, damit ich mein Glück finden konnte und blieb mir als bester Freund und engster Vertrauter. Noch immer stehen wir uns sehr nahe und kennen und verstehen einander auf eine Weise, die sonst niemand versteht. Wir reden über alles und mittlerweile hat auch er wieder eine großartige Freundin, die ihn glücklich macht und ihm all das geben kann, was ich nie konnte. Aus Marie und mir wurde nichts, aber das ist vollkommen in Ordnung. Die richtige Frau wird kommen, da bin ich mir sicher…

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